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KURZGESCHICHTEN
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Die Lemminge

(2005)

Der Abgrund war von weitem zu sehen. Lediglich von weitem. Die auf der anderen Seite vermochten ihn nicht mehr zu erkennen. Vielleicht zu erahnen. Doch ihre Ahnung hatten sie ausrangiert. Instinkt lag nicht im Trend. Genauso wenig wie Gefühl, Gespür oder das Wissen um Etwas, was nicht zu erklären war.  Es war ein seltsames Volk. Dinge, die es nicht näher zu bezeichnen vermochte, machte es zu Erklärbarem, schuf wirre Formeln, nichtssagende Worte, unbegreifbare Konstruktionen und Modelle - und einige Religionen. An irgendetwas musste man ja glauben, wenn man schon nichts mehr begriff oder fühlte. Auch an das Göttliche in sich selbst vermochte man nicht mehr zu glauben. So schuf man sich Götter und Götzen.  Einer der ersten Götzen hieß Geld. Man betete ihn an und tat alles für ihn, machte sich zu seinem Sklaven und bemerkte es nicht einmal. Der nächste Götze trug den Namen Gesellschaft. Ohne sie ging gar nichts. Die Meinung des Nächsten war wichtiger, als die eigene Einschätzung jedes Einzelnen zu sich selbst. Der dritte Götze war ein Kind des ersten: Wirtschaft. Sie war ein Wesen, welches einen sehr langen Schweif nach sich zog. Er stob Funken und aus jedem dieser einzelnen Funken entstand etwas Neues - Management. Jeweils mit einem anderen uninterpretierbaren Wort davor geschmückt, welches nicht im Ansatz die Möglichkeit bot, den Hintergrund auch nur zu erahnen. Der vierte Götze hieß Existenz. Ein besonderes Geschöpf, war es doch eine Kreuzung zwischen Geld, Gesellschaft und Wirtschaft und ersetze das, was man mit dem ersten Atemzug bekam: Das Leben. Das Leben, aus der Natur entstanden, war genauso wenig trendy, wie die Natur selbst. Bäume wurden zu Baumbestand oder zur Rodung, in Metern gemessen; genauso wie Land in Quadratmetern und Gefühl in Kerben bemessen wurde. Der fünfte Götze trug den Namen Unschuld. Zunächst hätte man annehmen können, es sei eine Umwandlung des Begriffes Unvermögen. Aber da man Dank der anderen Götzen und aufgrund der modernen Entwicklung dieses Wort aus dem Sprachgebrauch gestrichen hatte, brauchte man einen Quasi-Gott der Unterwelt: Den Ewig Schuldigen. Und was lag näher, als die unbegreifbare - vor allem unerklärbare -  Natur damit auszuzeichnen. Ein Ritterschlag der besonderen Art.  Man selbst hingegen zeichnete sich dadurch aus, zerstörerisch zu sein. Bislang die einzige Gattung Wesen, die sich selbst bekämpfte, strafte und an ihrem eigenen Untergang arbeitete, als sei man ein Volk der Suizidgefährdeten. Das Umfeld wurde dabei genauso zerstört wie der Mitmensch. Ausgebeutet, missbraucht, belogen, betrogen, gebrandrodet, mit Oberflächlichkeiten ertränkt, an Verleumdungen aufgestrickt und noch vieles mehr. Der Phantasie war kein Ende gesetzt. Den Anfang setzte man mit der Bezeichnung Umwelt. Das war die Welt, in der man lebte. Nicht das Drumherum, sondern das Mittendrin. Aber das wurde verdrängt.  Schüttelten die Götter erschüttert den Kopf über dieses Volk, so trug dies von nun an den Namen Tornado und wurde dem Ewig Schuldigen zugeschrieben. Liess das Volk die Herzen der Götter beben, so war es die Unberechenbarkeit der Erde, die die Schuld daran trug -  nicht der Verursacher. Und brachte man die Götter zum Weinen, so waren es Flutwellen der vernichtenden Natur, die man offiziell feststellte. Nach dem Warum fragte man nicht. Das war in längst vergangenen Zeiten bereits abgeschafft.  Die Betrachter von Außen wunderten sich so manches Mal über diese Wesen, die scheinbar kopflos und ohne Verstand stetig in Richtung Abgrund liefen.  Es gab nur wenige Überlieferungen. Eine Handvoll dieser Wesen überlebte. Das waren die Außenseiter. Von ihnen erfuhr man den Namen dieses abgrundliebenden Volkes: Lemminge. Lebendige     Existenzen - Menschen mit Ignoranz gegenüber der Natur, der Gefühle und der Erkenntnis...
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Nischen Eine Gesellschaftssatire? (1994) Ledersohlen, italienische Markenschuhe, geschnürt. Pumps, deren Absätze nach innen schief abgelaufen sind. Turnschuhe, offene Schnürsenkel, schlendernder Gang. Hastig tippeln sie um die leere Büchse auf dem Weg, schreiten elegant darüber hinweg oder treten dagegen. Menschen können an ihren Füssen erkannt werden. Sie sagen oft viel mehr als Köpfe. Gesichter tragen Masken und mit den Masken fallen die Gesichter. Deshalb liebe ich Füsse, denkt er. Sandalen, rote Fussnägel, daneben stolpern zarte Kinderfüsschen, tastend noch, fast unsicher. Gummisohlen quietschen unter männlichen Fleischmassen, Joggingschuhe sprinten an langen Beinen vorbei. Eine Gruppe von eleganten, fleischigen Füssen mit ächzenden Sohlen. Ihr Weg wird nicht von Unrat erschwert. Der Boden ist sauber, die Menschen heben den Müll auf, täglich wird gefegt. Es ist schön, dass man sich so um die Ordnung sorgt, sagt er leise zu sich. Es dämmert. Die Füsse werden seltener. Erschaudern zwischen Nacht und Morgen, wenn Ängste frei werden und doch im Verborgenen unsichtbar sind. Er ist seiner Gedankenflut ausgeliefert, auf dem Weg in die Tiefe, schwarz und unendlich. Feuchte Küsse der Depression, die ihm so vertraut... Nachts fühlt er sich jämmerlich und doch beglückt, denn er ist zuhause. Die Nacht ist wie ein kleiner Tod, kommt zu jedem, ungebeten, Dämonen, gottlose Saat, die ich verachte. Sie greift nach ihm mit weichen Rabenkrallen und will ihn mitnehmen - und doch, jeden Morgen wieder das Wunder der Geburt. Die ersten hellen Sonnenstrahlen blitzen zwischen den Häuserzeilen auf. Der blaue Himmel schickt seine Boten zu ihm. Es ist immer wieder wundervoll, von dem wärmenden Licht geweckt zu werden, denkt er. Sanfte Windböen streicheln die noch müde Haut, kitzeln an den Härchen und eilen weiter. Das Leben erwacht. Spatzen erdreisten sich näher und näher zu kommen, nehmen sich das, was sie zum Leben brauchen, fast in Greifweite. Zwischen den Blumenkübeln auf dem Weg picken sie fröhlich nach kleinem Getier, aufgeplustert, lustig zwitschernd scheinen sie ihn anzulächeln. Es sind gepflegte Blumen, farbenfroh, von kräftigem Wuchs. Männertreu, Geranien, Röschen in zarten Tönen, wöchentlich gedüngt. Sie wuchern in Töpfen, die regelmässig abgespritzt werden. Man kümmert sich hier gut um sie, freut er sich jeden Tag und bewundert die Grosszügigkeit der Natur, ihm solch wunderbaren Anblick zu schenken. Liebevolle Blicke, nahrungsreiche Erde - sie haben es gut, genauso wie die hübschen Spatzen. Wenn morgens, mit den lauen Winden und der wärmenden Sonne, die Füsse kommen, bleiben sie oftmals paarweise stehen. Meist sind es moderne Füsse oder jene, die schon Tausende von Kilometern hinter sich haben. Keine Blicke nach rechts oder nach links. Nur für die niedlichen Tiere, die munter um Sympathien buhlen. Dann werden seine gefiederten Freunde gefüttert. Es ist herrlich, wie sich die Menschen so nett um sie kümmern. Die Bewohner dieser Stadt sind freundlich, überlegt er. Nette, aufgeschlossene Leute, denn Menschen, die so hilfsbereit sind, sich derart um Tiere, Pflanzen und Sauberkeit sorgen, müssen gute und warmherzige Menschen sein. Und fröhlich, denn oftmals erschallt über den Füssen lautes Lachen. Welch ein Glück, denkt er, dass ich in dieser schönen Stadt leben darf. Viele alte Häuser, wahre Bauwerke. Gotische Fassaden, die einmal im Jahr aufopferungsvoll gestrichen werden. Gestandene Bauten mit kunstvollen Erkern, gepflegten Gardinen hinter blitzenden Scheiben. Dazwischen idyllische Grünanlagen, weitläufige Parkflächen, Oasen der Ruhe. In den kräftigen Baumwipfeln spielen die Winde mit den Blättern, saubere Kieswege, gesäumt von Buchs, führen vorbei an frisch gestrichenen Bänken und glasklaren Teichen. Auch sie werden gehegt und gepflegt, wie alles in dieser wunderbaren Stadt, die sich um jeden sorgt. Zierliche kleine Tierchen im Schutz der ruhigen Häusernische. Auch sie haben es gut. Kleine Wesen, die über den Hals in das zerrissene staubige Hemd klettern. Sie krabbeln über den starren, weissen Körper hinab zu der Lache geronnenen Blutes, wo sich die dicken Fliegen tummeln. Kriechen durch wirre Haare, mit Vogelkot besudelt, strähnig und ausgetrocknet; über das bläulich gefärbte Gesicht. Sie essen sich satt an den aufgeschürften Hautfetzen. Es ist gut, wenn man gesättigt ist. Das weiss er. Füsse, sie kommen geradewegs auf ihn zu. Derbe Schuhe, Profilsohle, paarweise. Sie werden geknickt. Männer beugen sich, hocken sich nieder. Sie schauen hinunter, interessieren sich für mich? Ich wusste, das Leben hat einen Sinn... Sie blicken ihn genau an. Sehen die gebrochenen müden Augen, die starr ins Leere blicken, die letzte Tränenflüssigkeit, auf den Wangen zu trockenem Schleim geworden. Es schaudert sie. Er riecht. Sie wenden sich ab. Die Füsse werden gestreckt, die Männer richten sich auf. Vorbei an der Hand, die kraftlos aus der Nische ragt, erschöpft vom Zittern der vergangenen Jahre, gestreckt und flehend, als wolle sie auch im Tode noch nach etwas greifen. Ein leere Hülle Mensch. Oder einfach eine faulige Leiche, denn sein vernarbtes Herz, das zeigt er ihnen nicht. Dafür ist er zu stolz. "Der ist tot," sagt der eine Mann. "Ein Penner," der andere. Die Füsse gehen langsam davon, fort von ihm und seinem ausgedörrten Körper. Ein paar Meter weiter verharren sie vor den prächtigen Blumenkübeln, in denen flauschige Hummeln brummen. Hier warten auch die Spatzen. Aufgeregt hüpfen sie hin und her, pfeifen und freuen sich über die knusprigen Brotkrumen, die ihnen liebevoll auf den Boden geworfen werden und im sanftlauen Wind zu Spielbällen werden. Es ist schön, wie sich die Menschen um seine gefiederten Freunde sorgen. Wie immer wieder Füsse stehen bleiben: Turnschuhe mit offenen Schnürsenkeln, Pumps, deren Absätze nach innen schief abgelaufen sind, italienische Markenschuhe, geschnürt.