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BELLETRISTIK
© Barbara Henrike Schuhrk 2016
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Stolz erhoben sich die Klippen in den Morgenhimmel. Zerklüftete Felsen, dem salzigen Atlantik schon seit Jahrtausenden trotzend, unterbrochen nur von kleinen hellsandigen Buchten. Tiefblaues Meer bis zum fernen Horizont, Wind strich über das einsame Motorboot, von den Wellen geschüttelt. Spielball der Natur. Eine friedliche Idylle, nur gestört durch das Chaos im Herzen der jungen Frau, die gedankenverloren in die Weite blickte. Die letzten Worte, die sie hörte, bevor sie nach Frankreich flüchtete, irrten durch ihren Kopf. Vernichtende Worte, Dolchstössen gleich, die keimende Zweifel zu monströsen Ängsten gedeihen, sie letztlich die Sachen packen liessen. Nun war sie in der Bretagne, der geliebten Bretagne, die ihr schon immer Kraft zu schenken vermochte: Wunderbare Natur, der raue Atlantik, sanftraue Gemüter der Menschen - hier konnte sie Abstand gewinnen, beruhigende Stille geniessen, die endlose Freiheit des Meeres. So dachte sie zumindest... Und lag auf dem kleinen Boot ihres Bekannten in der einsamen Bucht, versuchte Ruhe in sich aufzusaugen. Vergebens. Ein Gedanke liess sie nicht los. Jener Gedanke an jenen Mann, von dem sie nicht einmal Abschied genommen hatte. Der Gedanke an eine vermeintlich chaotische Beziehung, in der jeder alles wollte: Intensität und Liebe, Freiheit und Unabhängigkeit. Sie ging auf die Reise in die Vergangenheit: Das erste Treffen, früh in der Jugend. Er hatte sie nur angeblickt. Vier Jahre älter als sie, ein Draufgänger, leidenschaftlicher Chaot, an jedem Finger mindestens drei Frauen. Sie, die kleine, noch etwas pubertär-pummelige, gerade in der Untersekunda gelandet, gerade erst die Faszination des anderen Geschlechtes erkannt. Es war nur ein heisser Flirt eines heissen Sommers. Genauso schnell liess er sie wieder fallen, machte sein Abitur und verschwand aus ihrem Leben. In den nächsten Jahren ein paar Begegnungen, zufällig, flüchtig, auf der Strasse. Blicke, die kalte Schauer weckten, ein paar Worte und schlaflose Nächte. Träume von sanften Begegnungen, leidenschaftlichen Umarmungen. Beim Erwachen doch nur das Daunenkissen, das sich liebevoll und warm an sie schmiegte. Die Zeit brachte Ablenkungen, Stress und andere Männer, Beziehungen, erotische Flirts und Schmerzen. Bis zu jenem Tag vor zwei Jahren. Sie hatte geschäftlich zu tun, hetzte eilig über die Strasse, als sie ihn erkannte. "Nicht schon wieder er," dachte sie, raste an ihm vorbei, konnte nicht, wollte nicht anhalten. Doch es war bereits zu spät, er hatte sie gesehen, eilte ihr nach, sprach sie an. Vergessen der Termin, ein kurzer Anruf, eine flüchtige Ausrede, eine dämmerige Bar. Die Zeit verflog. Aus dem frühen Nachmittag wurde Abend und als der Piano-Spieler begann, romantische Lieder zu spielen, war schon längst die Nacht hereingebrochen. Tiefsinnige Gespräche, stilles Schweigen, erotisches Knistern. Eine flüchtige Berührung ihrer Hand, Feuerwerk im Herz, im Körper. Sollten ihre Träume in Erfüllung gehen, war es nicht er, der immer in ihrem Kopf gespukt hatte, durch wilde Träume jagte, um bei Tagesanbruch vom Verstand verscheucht zu werden?! Es waren nicht viele Worte, die sie überzeugen mussten, mit ihm zu gehen. Die Nacht der Nächte war da. Durchwühlte Kissen, Zärtlichkeiten, Leidenschaften schöner als in all ihren Träumen. Sie konnten nicht von sich lassen und sie blieb nicht nur in dieser Nacht. Die Sucht nach der Nähe des anderen. Und jetzt? Alles war vorbei. Verstohlen wischte sie sich Tränen aus den Augen, doch weit und breit war niemand, der sie hätte entdecken können. Erst gestern früh fielen jene harte Worte. Vorwürfe zu allem., was sie tat und liess, Zweifel an ihren Gefühlen. Als sie ihm seine Gedankenlosigkeit vorwarf, seine Lieblosigkeit und das Interesse an allem - ausser ihr - sagte er, sie solle halt gehen. Das tat sie. "Er hat nie damit gerechnet," dachte sie trotzig und doch kam keine Freude über diesen vermeintlichen Triumph auf. Sie richtete sich auf, streifte ihre Gedanken ab wie ein Kleidungsstück, warf den Motor an. Das kühle Nass spritze auf ihren erhitzen Körper, hinterliess salzige Flecken auf brauner Haut. "Ablenken," beschloss sie. Schliesslich war sie hierher gekommen, um Abstand zu gewinnen. Während sich die Sonne langsam ihrem höchsten Punkt näherte, befestigte Katharina das Boot am Kai. Auf dem Steg kam ihr schon Charles, ihr Bekannter entgegen. "Du bist früh heraus- gefahren, ma petite," zwinkerte er ihr amüsiert zu. "Sonst hättest du den Anruf noch erhalten..." "Ein Anruf?" Die blauen Augen des Mittfünfzigers blitzen. "Ja, ein Mann. Er wollte wissen, ob du hier bist. Ich weiss nicht, wer er war. Aber scheinbar suchte er dich. Hast du dich nicht verabschiedet?" "Was hast du ihm gesagt?" Charles zuckte mit den Schultern. "Was hätte ich ihm sagen sollen, wo ich doch gar kein Deutsch spreche?!" Sie mussten lachen und Katharina hakte sich bei ihm ein, während sie zur Hafen-Bar schlenderten. "Ein wirklich treuer Freund," dachte sie. Langsam versank die Sonne wie ein leuchtender Feuerball im Meer. Das lauwarme Wasser lief über ihren Körper. Mit geschlossenen Augen genoss sie den Strahl, der sie überall berührte, als seien es seine Hände, die über ihre Haut strichen. Sie konnte sich nicht von dem Gedanken an ihn losreissen. "Verdammt," sagte sie zu sich. "Es ist vorbei. Vergiss ihn endlich!" Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass das so einfach nicht möglich war. Trotzig bürstete sie ihre langen Haare und beschloss den Abend in der Strandbar zu verbringen. Vielleicht gab es da einen netten Mann - ausser Charles und seinen Fischer-Freunden... Als sie die Treppe herunter kam, verstummte Charles. Bewundernde Blicken trafen sie. Das kurze Kleid zeigte viel von ihrer makellosen, gebräunten Haut. Liess aber auch viel nur erahnen. "Viel Spass," lächelte Severine, Charles Frau, als sie sich mit Charles und seinem Sohn Jacques auf den Weg zum Strand machte. Die Chansons wehten ihnen entgegen. Viele Gäste waren in der kleinen Holzbar, der Wind fegte frische Meeresluft durch die offenen Fenster und der Muscadet liess Katharina entspannen. Sie genoss die Atmosphäre, die ungezwungene Fröhlichkeit und die Plaudereien mit ihren Freunden. "Was macht die Arbeit," fragte Charles interessiert und beschwerte sich zugleich, dass sie nicht öfter zu Besuch kam. Katharina begann zu erzählen. Der trockene Wein kühlte Kehle und Kopf. Als ein Mann die Bar betrat, verstummte sie kurz. Aus den Augenwinkeln konnte sie ihn beobachten, den geschmeidigen Gang, das dunkle Haar, den wohlgeformten Körper. George Moustaki erklang leise aus dem Boxen. Katharinas Augen wurden feucht. "Ma liberté, longtemps je te gardé," - ein romantisches Liebeslied an die Freiheit, die letztlich aufgegeben wird für ein "prison d'amour". Stumm stand er vor ihr, verbeugte sich und führte sie wie willenlos zu der Tanzfläche. Sie spürte jede Bewegung seines Körpers, so drückte er sie an sich. Katharina schloss die Augen, versuchte sich den Gefühlen hinzugeben, das Knistern zu geniessen. Es gelang ihr nicht. Sie murmelte ein "pardon" und riss sich los. "Er ist in dir wie eine Tätowierung deiner Seele," war das einzige, was Charles sagte, als sie sich wieder zu ihnen setzte. Traurig blickte sie den Freund an. "Aber es ist vorbei. Er will mich nicht mehr. Vermutlich ist er froh, das ich endlich weg bin." Seine klugen Augen sahen sie fragend an, doch sie wich seinem Blick aus, bestellte nochmals Wein und begann belanglos zu plaudern. Es waren nicht mehr viele Leute in der Bar, als sie sich auf den Heimweg machten. Der Sand knirschte unter ihren Füssen, das Rauschen des Atlantiks rief fröhlich nach ihr. "Ich gehe noch mal ans Meer," sagte sie leise. Als Charles und Jacques das Auto mit dem deutschen Kennzeichen vor der Haustür sahen, blickten sie sich nur kurz an und lächelten. Katharina sah hinaus in die Dunkelheit. Das schwarze, schier endlose Meer beruhigte sie, sanft umspielte es ihre Füsse. Sie lehnte sich zurück in den noch lauwarmen Sand, betrachtete die Sterne und grübelte. Wohl einige Minuten lag sie da, als sie plötzlich ihr klopfendes Herz, ihre pulsierendes Blut viel stärker verspürte. Doch diesen Gedanken schüttelte sie ab. Sie schloss die Augen und genoss still die leisen Geräusche der Natur, das zaghafte Knirschen des Sandes und verlor sich in ihren Träumen. Zarte Lippen berührten die ihren, sanft drängend, doch kaum spürbar. Als sie sachte Hände in ihrem Gesicht verspürte, schlug sie die Augen auf. Erstaunt sah sie ihn an. "Du? Was machst du hier?" "Du bist hier," antwortete er zärtlich. Wohliges Erschaudern, Gänsehaut, sie blickte in seine Augen wie in Juwelen und versank in seiner Seele."Ich möchte nichts mehr fühlen," seufzte sie, "und möchte doch..." Er küsste ihr die Worte von den Lippen. "Aber ich weiss nicht, ob du ein Morgen willst..." Er musste nicht mehr antworten. Sie liessen sich fallen, entglitten in eine andere Welt. Eine Welt der Liebe, ihre Welt. Eine Welt der Lust und Leidenschaft. Begierde, tiefe Blicke, zarte Berührung und heisses Verlangen. Sie spürten nur noch die Sucht nach den warmen Lippen des anderen. Katharina lehnte sich zurück und strich ihrer fünfzehnjährigen Tochter lächelnd über den Kopf. "Weißt du jetzt, was Liebe ist? Mehr kann ich dir dazu nicht sagen. Und du wirst es hoffentlich selbst erfahren..."

Gegen den Wind

(1991)