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© Barbara Henrike Schuhrk 2016
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„Er ist so erfrischend und ehrlich,“ flüsterte die amerikanische Lady im Saal der Avery Fisher Hall im Lincoln Center, New York. „Wer hier singen kann, singt überall“, heißt es von diesem Ort - und Helmut Lotti konnte! Das Publikum tobte, ließ sich mitreißen, küssen, eilte zur Bühne, um ihn doch nur ein einziges Mal berühren zu dürfen. Kritiker überschlugen sich vor Lob:„Lotti singt aufrichtiger als Die Drei Tenöre“ oder „tatsächlich trifft er das hohe D öfter, als Pavarotti nur davon träumt, das hohe C zu treffen...“

HELMUT LOTTI EROBERTE NEW YORK

(EMI-Electrola)

Nicht die Amerikanische Nationalhymne zu Beginn des Konzertes war es, die das Publikum begeisterte: Es war seine Art - und die war stets wie er. Ehrlich und ganz Mensch. Auch, wenn er nur zwei Stunden geschlafen hat. „Die Kritik ist phantastisch,“ freut sich der 29jährige. „Auf der anderen Seite muß ich das relativieren: Es waren 3000 Menschen und ich weiß nicht, wie die anderen Amerikaner denken.“ Man darf nicht behaupten, der Erfolg stiege ihm zu Kopfe. Nein - das gleiche, schüchtern - charmante Lächeln, die selbe leicht zurückhaltende, freundliche Art; der gleiche liebevolle Umgang mit seinen Fans. Helmut Lotti ist vielseitig. Mal wirkt er wie ein großer Junge, dem man gern eine heiße Schokolade kochen möchte. Dann redet er wie ein Weiser, macht sprachlos, besticht. Und sein Gesang spricht ohnehin für sich. Es dauerte nur einen Augenblick, bis das amerikanische Publikum begann, bei Liedern von „Elvis“ die Hüften zu schwingen; mit Tränen in den Augen gegen die Gänsehaut zu kämpfen, beim Höhepunkt des Abends: Die Halle verdunkelte sich, das Orchester verstummte und Helmut Lotti schritt ohne Mikrophon in die Mitte der Bühne, um dort den letzten Vers von Pavarottis`“Caruso“ zu singen; wahrhaftig, ehrlich - nur seine Stimme. „Das amerikanische Publikum ist sehr ehrlich. Locker, spontan - etwas wild vielleicht. Aber ich mag es. Sie rufen „we love you“ oder ignorieren dich,“ erklärt Lotti. Sie würden stets zeigen, was sie denken - im Guten wie im Schlechten. „In Holland hingegen kann man den ganzen Abend singen ohne zu wissen, ob es nun gut ist oder es nicht gefällt.“ Im Mai des kommenden Jahres wolle er zurückkehren, nach New York. „Der Erfolg war groß, hat mich sehr gefreut, aber ich muß erst sehen, daß meine Musik wirklich gemocht wird, bevor ich es tatsächlich glauben kann.“ Erfolg an sich ist ihm gar nicht so wichtig. Wichtig ist der Applaus: „Habe ich keinen Erfolg mehr, werde ich singen - weil es mir Spaß macht, die Menschen applaudieren. Gibt es aber keinen Applaus mehr, höre ich auf und singe zu hause,“ weiß er. Den Menschen eine Freude zu bereiten - das zählt für ihn, das wird bemerkt: Eine amerikanische Zuschauerin stellte fest, man müsse ihn in den Arm nehmen wollen, das könne keine Berechnung sein. „Natürlich ist Singen auch Schauspielern,“ gibt Lotti zu. „Aber meine Bühnenshow - das bin ich selbst. Ich fände es schwer, so etwas zu spielen, es wäre unehrlich. Ich bin immer mitten in dem Lied, was ich singe.“ Lediglich völlig preisgeben würde er sich nicht auf der Bühne. Damit meint er vor allem seinen schwarzen Humor. Der habe bei seinen Auftritten nichts zu suchen, das könne schließlich nicht jedermann mögen. „Ich bin sehr ehrlich, relativiere aber immer. Und manche Menschen können das nicht.“ Einen Tag nach dem Konzert in New York ging es nach Boston - mit dem gleichen Erfolg. Drei Tage später nach Südafrika... „Das ist sicher anstrengend, aber wenn ich eine Nacht gut durchschlafe, bin ich am nächsten Tag wieder okay.“ Das Reisen, die Auftritte empfindet Lotti nicht als anstrengend. „Kräftezehrend ist nur das Warten. Wenn ich stundenlang mit dem Wagen unterwegs bin, ist das völlig in Ordnung. Aber zwei Stunden am Flughafen zu warten, dann zu fliegen, wieder warten zu müssen - das finde ich schrecklich.“ Die Kraft dafür schöpft er in erster Linie aus der Liebe: „Liebe ist ganz wichtig für mich - und ich bekomme unheimlich viel von den Menschen zurück, die positiv auf mich reagieren. So, wenn seine Tochter Messalina (7) ihm direkt nach dem Konzert herzlich gratuliert. Er wird nachdenklich. „Ich habe der Kleinen etwas aus Amerika mitgebracht, sie freut sich sehr darauf. Das Problem ist nur, daß ich nicht weiß, wann ich es ihr endlich geben kann.“„Dennoch freue ich mich über die Zeit in Südafrika. Ich werde endlich auch mal ein paar Tage frei haben, den afrikanischen Sommer genießen. So kann ich etwas Farbe bekommen - im Moment bin ich einfach nur grau...“ Nach seiner Rückkehr wird er in Deutschland die Goldene Schallplatte erhalten. Wesentlich mehr Träume hat er bislang nicht. „Ein Musical, ein eigenes Haus mit viel Raum und einer guten Aussicht,“ denkt er kurz nach. Ein Star bleibt bescheiden. Auch auf eine einsame Insel würde er nicht viel mitnehmen, drei Dinge lediglich: „Meine Familie - das ist eine Sache. Ein Fahrrad und ein Pferd, um sich zu bewegen.“ Und wäre es eine kleine Insel, so nur seine Familie - und einen Hometrainer! Die Familie, Geborgenheit zählt für ihn. „Ich bin nicht gern allein. Zwar gibt es Momente, in denen ich gern einmal für mich bin, aber ich habe furchtbare Angst davor, allein alt zu werden.“ Geld zu verlieren, materielle Dinge, das sei ihm unwichtig. Angst habe er nur vor Einsamkeit und physischen Schmerzen. Helmut Lotti ist ein nachdenklicher, ruhiger Mensch. Gibt es überhaupt etwas, was ihn aus der Ruhe bringen, richtig wütend, aggressiv machen könnte? Kurze Stille. „Wenn meiner Tochter etwas zustoßen würde, wie den Kindern im Falle von Dutroux - dann wäre ich heute im Gefängnis, der lebte nicht mehr. Das klingt vielleicht primitiv, aber so denke ich.“ Kinder - ohnehin ein Thema, was Helmut Lotti wichtig ist. „Könnte ich ein paar Tage entscheiden, was in der Welt geschieht, würde ich einiges ändern. Kinder würden nicht schon im frühesten Alter diszipliniert werden. Die Menschen werden zu früh ihrer Freiheit beraubt.“ Das Schulsystem würde er einer gründlichen Reform unterziehen:„ Kinder müßten ihre eigene Richtung wählen dürfen. Wenn jemand gut malt und Chemie nicht begreift - warum muß er studieren?“ Außerdem wäre er dafür, daß jeder weniger arbeitet - dann hätte jeder einen Job. Er kichert: „Das System Geld wäre ebenfalls reformbedürftig. Ich würde es abschaffen.“ Dafür habe er allerdings keine Lösung parat. „Ich rede jetzt wie ein Café-Philosoph oder Salon-Sozialist, aber das sind spontane Gedanken,“ entschuldigt er sich fast. Für seine 29 Jahre grübelt er sehr viel. „Im Herbst werde ich 30“, widerspricht er entschieden. Darauf freue er sich sehr. „Die Zahl hat mehr Qualität, wirkt ernsthafter.“ Das werde er dann groß feiern. „Aber nicht zu sehr. Ich mag es nicht, wie Menschen sich verändern, wenn sie trinken. Sie verwandeln sich in Tiere, betrügen ihre Frauen - und das ist durch Alkohol nicht zu entschuldigen. Manche hängen dann an einem, brüllen in die Ohren, äußerst feucht.“ Bevor es so weit komme, ginge er lieber ins Bett. „Ich werde dann lediglich fröhlich, erzähle vielleicht mal schmutzige Witze oder lache lauter. Aber zum Glück bleibe ich dabei völlig normal.“ Eben ganz er selbst. Wie immer. Barbara Schuhrk
Es war wie eine eingeschworene Gemeinde. Bis zu neun Millionen Menschen saßen jeden Sonntag gebannt vor dem Bildschirm. Das war vor sechs Jahren. Lindenstrassen-Kult mit über 20 offiziell registrierten Fan-Clubs. Heute sind die Macher froh, wenn sie sechs Millionen Zuschauer vor den Fernseher bekommen. Und am 16. April ist die 750. Sendung. Abgesackt und dennoch Kult - wovon man hinter den Kulissen nicht viel spürt: Natürlicher Umgang, fast freundschaftlich, eben doch die grosse Familie.

LINDENSTRASSE HINTER DEN KULISSEN

“Gemütlich, etwas abgegriffen aber menschlich...”

“Die Leute haben ihre Lindenstrasse von früher nicht mehr wiedererkannt,“ so Pressesprecher Wolfram Lotze. „Wir haben uns zu sehr auf Themen konzentriert, anstatt auf die Hauptdarsteller zu achten. Für die Fans sind die Personen wichtig, alles andere nur Beiwerk.“ Seit Dezember vergangenen Jahres laufen wieder folgen nach dem alten Prinzip, und prompt steigen auch wieder die Quoten. Die Lindenstrasse ist tot - es lebe die Lindenstrasse. Noch sind 14 Schauspieler von Beginn an dabei. Allen voraus Marie-Luise Marjan, schon fast besser als Mutter Beimer bekannt, und Annemarie Wendl alias Else Kling. Klausi Beimer, Moritz A.. Sachs, haben wir quasi aufwachsen sehen. Ans Aussteigen denkt er nicht, seine Rolle habe ihn nicht festgelegt: „Ich bin nicht Klausi, sondern ich.“- Auch Franz Rampelmann ist seit 14 Jahren dabei, läuft durch die Strasse, blickt sich um, als sei er lange nicht mehr dagewesen. „Wie die Lindenstrasse früher war,“ doziert er. „Gemütlich, etwas abgegriffen, aber menschlich.....“ Auf 150 Meter Außenkulisse und 2500 Quadratmetern Studiofläche spielten sich Freud und Leid der Bewohner. Man saugt es auf, hält es für „allzu lebendig und gewohnt“ oder man hasst es – dazwischen ist nicht viel. Da gehört es eben dazu, dass Berta Griese Post bekommt, man habe den vermissten Gatten auf dem „Traumschiff“ gesehen, sie müsse nicht mehr suchen... Fünfzig Prozent seiner Erlebnisse würde Rempelmann als „Trautes Heim, Glück allein,“ bezeichnen. Und tatsächlich - vor den Toren der Stadt Köln ist auf dem WDR-Gelände in Bocklemünd die Welt noch in Ordnung: 80 Pfennig kostet das belegte Brötchen, für 50 Pfennig gibt es einen Kaffee in der Kantine, der wach hält bis in die frühen Morgenstunden des folgenden Tages Nebel, die Bäume sind noch kahl, aber hier stehen die Linden in vollem Laub. Mangrovenblätter, die Manfred Lohmar- Szenenbildner seines Zeichens, verarbeitet. Im Hochsommer wird dann frühzeitig entlaubt. Er sorgt für das Profil der Familien, durch Möbel, Bilder, frische Küchenkräuter bei Mutter Beimer oder der Besen von Else Kling. Den realen Touch, dass zwei Familien sich ein Bad teilen, sieht man nicht: Wanne und Kacheln werden getauscht. Auch dass das Treppenhaus nur ebenerdig ist kann niemand ahnen. In einer Ecke des Studios steht ein vierstöckiges Treppenhaus mit Aufzug. Der Imbiss „Aloisius- Stub’n“, der Fahrradladen, das Reisebüro und das „Café Bayer“ lassen sich bespielen, alle anderen Gebäude sind Fassade. Die Stimmung nicht. Mittwoch, 9 Uhr 45, Klappe 759/23, Hinterhof. Keine Tristesse: „Die Drehbücher werden besser. Die Quoten auch,“ murmelt Else Kling. Noch 200 Folgen vorher soll sie Produzent Geißendörfer als „Ausbeuter“ beschimpft haben – doch muß alles nur ein Kampf zwischen Herstellungsleiter Huth und Geißendörfer selbst gewesen sein. „Wir hatten alle nicht miteinander gesprochen und doch wurde uns ein Streit angedichtet,“ erinnert sich Marie-Luise Marjan. „Hier war immer alles in Ordnung, manches muß man sicher skeptisch sehen, aber das positive überwiegt.“ Hinter den Kulissen eben... Franz Rampelmann, Elses Seriensohn Olaf, fröstelt ohne zu leiden: „So oft muß ich nicht frieren. 40 Grad in der Daunenjacke mit Kunstschnee wegen der ersten Weihnachtsfolge sind nicht zu überbieten.“ Man schwitzt eben mehr, als dass man friert. Zur Not helfen drei Paar lange Unterhosen. Die helfen nicht, wenn man hängt. Das war sein schlimmstes Erlebnis. „Um zehn Uhr abends, wenn alle nach Hause wollen... ein neuer Regisseur, 40 Leute, es war ein Alptraum.“ Und das schönste? „Lustiges gibt es hier nicht“, kichert er. Nein, mit dem Willi Herren habe man immer Spaß, mit der Marjan sowieso. „Sie ist die verhinderte Regisseurin und dirigiert attraktive Männer wie mich herum, dass man sich retten muß...“ Der Charme des kollegialen... Am 8. Dezember 1985 wurde die erste Folge der Lindenstrasse ausgestrahlt und sie war die erste deutsche Serie, die elektronisch und mit mehreren Kameras gleichzeitig produziert wurde. Neuland und Maßstab zugleich.... Politisch korrekt, ein ideeles und ideales Gesamtdeutschland mit Bayern und Preußen, Schwulen und „Mädchen alter Schule“, Nazis und Autonomen. Mehr als 200 wissenschaftliche Arbeiten und Publikationen wurden verfasst. „Ein Staatsexamen im Fach Kunst-Erziehung –„Grafikserie zum Thema die Toten in der Lindenstrasse“ oder die theologische Arbeit an der Universität Freiburg „Kritik am Dualismus, Realität und Fiktion und dessen Überwindung durch das Symbol am Beispiel der Lindenstrasse“,“ berichtet Ilonka von Wisotzki vom Pressebüro nicht ohne Stolz. Das hat seinen Preis: Seit 1996 werden die Folgen digital nachgearbeitet, eine davon kostet rund 350.000 DM. Dabei werden 185 Meter MAZ-Band verarbeitet, die Nachbearbeitung dauert zwei Tage, Kopien, Ausschnitte, Übertragungen, ist nach einer Staffel alles gut abgeschlossen, folgt ein feuchtfröhliches „Bergfest“. Zum Feiern und Kennenlernen, denn „manche Kollegen sehen sich gar nicht.“ 900 Scheinwerfer beleuchten die Sets, 90.000 Requisiten stehen für die Stars zur Verfügung. Das sind rund 4 Waschmaschinen am Tag, eine Stunde Bügeln, zuvor noch ein Konzept, Anziehen, jeder hat seine eigenen Wünsche „bei manchen gibt es dazu noch einen gewissen Exhibitionismus,“ weiß man in der Garderobe. Der endet, wenn die geplatzte Hose eben doch nur schnell geklebt wird, die Hosenbeine umgebunden werden. „Die sind auch nur Menschen, “ lächelt Innenrequisiteurin Daniela Groß. Es riecht nach Gyros. Angesichts der Uhrzeit kein Duft. 20 Teller kaltes Fleisch – kann man da noch Appetit bekommen, in der Akropolis? „Ich hab keinen Hunger mehr, wenn ich morgens früh soviel Gyros vorbereite,“ gesteht sie. Weil es den meisten so geht, landet es anschließend im Schweineeimer. Appetitlicher geht’s im betriebseigenen Kindergarten „Villa Kunterbunt“ zu. Und hält, was der Name verspricht. Da tobt schon um halb zehn das pralle Leben. Rund 50 Kinder waren dort im Laufe der Jahre untergebracht, von der Tochter der Garderobenfrau bis hin zu Kinderstars. Anna Sophia alias Lea(3)ist Schauspielerin und bereitet sich mit Bauklötzen auf ihren Einsatz im Gastraum der Akropolis zu. Eine Minute 20 Sekunden, dann kann sie wieder mit Leiterin Sandra Marschner spielen. „Wir haben flexible Zeiten, vier Tage die Woche, Kinder von 1 ½ bis 4, aber auch ältere Schauspielerkinder kommen uns besuchen.“ Die Lindenstrasse mag Kinder – und Kinder mögen die Lindenstraße, wie eine deutsche Tageszeitung per Umfrage schon feststellte, mit der Begründung, dass Kinder in der Serie ernstgenommen würden, nicht bevormundet, nicht verniedlicht und auch die Moralpredigt fehle. Am 8. Dezember 2000 feiert die Lindenstrasse ihren 15. Geburtstag - und der Vertrag mit der ARD läuft noch bis zum Jahr 2002 - bis einschließlich zur 884. Folge. Wir werden auch Lea aufwachsen sehen... Barbara Schuhrk